Idris Tawfiq: Als der Unterricht zur eigenen Frage wurde

Idris Tawfiq konnte anderen Menschen Religion erklären. Doch sein eigenes Leben hatte ihn vor eine Frage gestellt, die sich nicht außerhalb des Unterrichts halten ließ. Nach Jahren im katholischen Dienst und der Priesterausbildung in Rom verließ er diesen Weg. Er blickte nicht mit Groll zurück: Die Menschen, mit denen er gearbeitet hatte, und die Möglichkeit zu helfen blieben ihm wichtig. Innerlich war er jedoch, wie er erzählte, nicht glücklich.
Ein Urlaub führte ihn nach Hurghada in Ägypten und anschließend nach Kairo. Dort begegnete er Muslimen aus der Nähe und sah gewöhnliche Menschen ihre Arbeit unterbrechen, sobald der Gebetsruf erklang. In einem späteren Interview erinnerte er sich an den Friedensgruß eines jungen Schuhputzers. Solche Begegnungen passten nicht zu dem Bild aus den Nachrichten und weckten seinen Wunsch, mehr zu erfahren.
Zurück in Großbritannien unterrichtete er wieder Religionen. Die Vorbereitung verlangte ständige Lektüre; so lernte auch der Lehrer selbst weiter. Muslimische Schüler baten darum, in seinem mit Teppich ausgelegten Klassenraum beten zu dürfen. Er beobachtete sie und fastete im Ramadan mit ihnen, bevor er Muslim wurde. Auch erzählte er, ihm seien beim Vorlesen einer Koranübersetzung im Unterricht die Tränen gekommen. Der Lehrstoff berührte nun sein eigenes Leben.
Nach den Ereignissen vom September 2001 beschäftigte ihn der Abstand zwischen seinen Begegnungen mit dem Islam und der verbreiteten Angst. Er besuchte die Londoner Zentralmoschee und sprach mit Yusuf Islam darüber, wie man Muslim wird. Gottesglaube, Gebet und Fasten waren ihm bereits vertraut, teilweise aus eigener Erfahrung. Als die Gemeinde sich zum Gebet aufstellte, habe er geweint und seine Haltung neu überdacht.
In den ersten Jahren des neuen Jahrtausends nahm er den Islam an. Später hob er als Beweggründe hervor, dass Gott im Mittelpunkt steht und Gottesdienst auch das tägliche Verhalten und die Beziehungen zu Menschen umfasst. Er verstand seinen Weg als Folge vieler Schritte zum Glauben, nicht als plötzlichen Bruch, der die gesamte Vergangenheit auslöscht.
Danach lebte er in Ägypten und schrieb Gardens of Delight: a Simple Introduction to Islam für Menschen, denen die Religion noch wenig vertraut war. In einem Interview von 2013 berichtete er über seinen Unterricht an Al-Azhar und seinen Wunsch, Verständnis zwischen Kulturen zu fördern. Seine religiöse und pädagogische Erfahrung wurde zum Mittel geduldiger Erklärung. Wer Gehör finden wolle, müsse zuerst die Menschen verstehen, mit denen er spreche.
Nach seinem Tod im Februar 2016 erinnerte ein Kollege an seine Hinweise für neue Muslime, die das Fest ohne muslimische Verwandte oder Freunde verbrachten. Aus seinem eigenen Weg war Unterstützung für andere geworden. Das Gebet gewöhnlicher Menschen und der Gruß eines Kindes hatten seine Fragen geöffnet; später half er anderen, Wissen und Gemeinschaft zu finden.
Quellen
- On the road from the Vatican to Al Azhar — The Irish Times — 2006-08-11
- Idris Tawfiq, Catholic Priest, UK — The Egyptian Gazette / IslamReligion — 2007-07-02
- حوارات … قس الفاتيكان الأسبق إدريس توفيق — الخليج — 2010-08-15
- حوار مع البروفيسور إدريس توفيق ورحلته من الفاتيكان إلى الأزهر — الألوكة — 2013-05-05
- In Memory of Mr. Idris Tawfiq — About Islam — 2016-02-18
